Die Orthodoxie ist keine neue Religion in Österreich. In den österreichischen Kronländern waren die Habsburger den Orthodoxen gegenüber sehr wohlwollend eingestellt. Das fand im Jahr 1781 seinen sichtbaren Ausdruck im Toleranzpatent des Kaisers Joseph II., das auch den Orthodoxen freie Religionsausübung und verschiedene Privilegien zugestand. In der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie lebten zwischen sieben bis zehn Millionen orthodoxer ChristInnen. Die orthodoxen Gemeinden in der österreichischen Reichshälfte unterstanden der Jurisdiktion des Metropoliten von Czernowitz in der Bukowina, die Orthodoxen in der ungarischen Reichshälfte dem Metropoliten von Karlowitz.

Nach dem I. Weltkrieg verblieb nur ein sehr kleiner Teil der Orthodoxen auf dem Gebiet des heutigen Österreich und es gab hier zunächst nur wenige Kirchengemeinden. Durch Einwanderungswellen in der Ersten Republik und durch die bis in die Gegenwart andauernde große Migration nach dem II. Weltkrieg stieg die Zahl der Orthodoxen in Österreich auf fast eine halbe Million.

Das Bundesgesetz über äußere Rechtsverhältnisse der griechisch-orientalischen Kirche aus dem Jahr 1967 – kurz Orthodoxengesetz genant – machte es möglich, dass bisher in Österreich Kirchengemeinden aus fünf orthodoxen Kirchen gesetzlich anerkannt wurden: Kirchengemeinden des Ökumenischen Patriarchats (griechisch-orientalische oder griechisch-orthodoxe Kirche), des Moskauer Patriarchats (Russisch-orthodoxe Kirche), des Serbischen Patriarchats (Serbisch-orthodoxe Kirche), des Rumänischen Patriarchats (rumänisch-orthodoxe Kirche) und des Bulgarischen Patriarchats (Bulgarisch-orthodoxe Kirche). Nach einer Gesetzesnovelle im Jahr 2011 können neben der bisher allein anerkannten griechisch-orientalischen Metropolis von Austria auch neue Diözesen durch Kundmachung die Stellung einer Körperschaft öffentlichen Rechts erhalten. Außerdem besteht seither unter dem Vorsitz des griechisch-orientalischen Metropoliten von Austria auch eine Orthodoxe Bischofskonferenz in Österreich, zu deren Kompetenzen gemäß dem Orthodoxengesetz auch die Koordination des orthodoxen Religionsunterrichts gehört.

Diakon DDr. Johann Krammer

Professor an der KPH Wien-Krems

Zunächst wurde der orthodoxe Religionsunterricht nur innerkirchlich auf der Ebene der Kirchengemeinden erteilt. Durch die gesetzliche Anerkennung im Gefolge des Orthodoxengesetzes erhielt die Orthodoxe Kirche das Recht der Erteilung des Religionsunterrichts in allen öffentlichen und mit Öffentlichkeitsrecht ausgestatteten Schulen Österreichs, wenn die entsprechende Zahl orthodoxer SchülerInnen gegeben ist. Notwendige Grundlage für die Erteilung des Religionsunterrichts war zunächst die Erstellung eines Lehrplanes, der schließlich im Jahr 1991 erlassen werden konnte. Dieser Lehrplan war sehr knapp gehalten und hatte nur einen Übersichtscharakter. Im Jahr 2005 wurde das Orthodoxe Schulamt gegründet, dessen Leiter zurzeit der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Österreich Metropolit von Austria Arsenios (Kardamakis) ist. Die Funktion des geschäftsführenden Schulamtsleiters hat Fachinspektor Mag. Branislav Djukaric inne.

Das Orthodoxe Schulamt konnte in den Jahren seines Bestehens den Orthodoxen Religionsunterricht in Österreich strukturell und organisatorisch wesentlich konsolidieren. Es wurden inzwischen drei neue Lehrpläne erarbeitet: für Volksschulen (Vorschulstufe und Grundstufe), für allgemeinbildende höhere Schulen (Unterstufe), Hauptschulen und Polytechnische Schulen sowie für allgemeinbildende höhere Schulen (Oberstufe) und berufsbildende mittlere und höhere Schulen. Eine weitere Aufgabe ist die Erstellung von Lehrbüchern und Materialien für den Religionsunterricht. Bisher konnte das orthodoxe Religionsbuch für die Volksschulen fertig gestellt werden. Es wird für alle vier Schulstufen der Volksschule verwendet.

Ein sehr brisantes Problem ist die Ausbildung und Fortbildung der ReligionslehrerInnen. Viele unserer ReligionslehrerInnen kamen zunächst aus dem Ausland nach Österreich, was manche Probleme mit sich brachte (ungenügende Kenntnis des österreichischen Schulwesens, Schwierigkeiten mit der deutschen Unterrichtssprache, Probleme mit der Nostrifikation der Ausbildung etc.). Ein entscheidender Schritt zur Lösung dieser Probleme konnte gesetzt werden, seitdem die Aus- und Fortbildung der ReligionslehrerInnen an der von der römisch-katholischen Erzdiözese Wien errichteten Kirchlichen Pädagogischen Hochschule in Wien in Geist der ökumenischen Zusammenarbeit ermöglicht wurde. An der KPH Wien erfolgen nun die Ausbildung der orthodoxen ReligionslehrerInnen an Pflichtschulen und die Fortbildung der orthodoxen ReligionslehrerInnen aller Schulen.

Im laufenden Schuljahr unterrichten etwa 85 ReligionslehrerInnen österreichweit ca. 11.200 SchülerInnen an ungefähr 825 Standorten, die Hälfte davon in Wien. Die Tendenz der Teilnahme am Religionsunterricht ist in den letzten Jahren steigend.

Diakon DDr. Johann Krammer
Professor an der KPH Wien-Krems

Nach orthodoxem Kirchenverständnis gibt es nur eine Orthodoxe Kirche, die jedoch konkret in den 14 autokephalen orthodoxen Kirchen existiert. Da es in Österreich einen gemeinsamen Religionsunterricht für alle orthodoxen SchülerInnen gibt, machen die SchülerInnen im Religionsunterricht die wichtige Erfahrung der Einheit der Orthodoxie, was besonders in der Diaspora sehr wichtig ist. In ihren Ursprungsländern haben die SchülerInnen und deren Eltern die Orthodoxe Kirche meist nur in ihrer serbischen, rumänischen, russischen usw. Gestalt und Tradition kennengelernt. Der Religionsunterricht ist für nicht wenige SchülerInnen die Chance für einen ersten und oft fast einzigen Kontakt zur Orthodoxen Kirche in Österreich. Der orthodoxe Religionsunterricht trägt so auch wesentlich zum Kennenlernen, zur gegenseitigen Akzeptanz und Integration der verschiedenen orthodoxen Kommunitäten bei.

Die SchülerInnen lernen im Religionsunterricht die Wurzeln ihrer eigenen Tradition kennen und finden ein Stück jener geistlichen Heimat, die für eine harmonische Entwicklung der menschlichen Person so bedeutend ist.

 

 

Diakon DDr. Johann Krammer
Professor an der KPH Wien-Krems

 

Die heutige Gesellschaft ist multiethnisch, multikulturell und multireligiös. Dies bringt viele Herausforderungen für die einzelnen Menschen wie auch für die gesamte Gesellschaft mit sich. Oberstes Ziel muss ein friedliches Zusammenleben und Zusammenarbeiten aller in gegenseitigem Respekt und Toleranz sein. Nur so kann es zu einer echten Integration kommen. Um in diesem Sinne die anderen achten zu können, ist es unumgänglich, dass wir uns selbst kennen und akzeptieren. Eine solche Identitätsfindung wird aber vor allem im Religionsunterricht ermöglicht.

Die Lehrpläne für den orthodoxen Religionsunterricht sprechen diese Zielsetzung dezidiert an. So wird im Lehrplan für den orthodoxen Religionsunterricht an Volksschulen 2008 unter dem Abschnitt „Bildungsziel und Bildungs- und Lehraufgaben“ ausgeführt: „Wenn Schüler und Schülerinnen in ihrer Konfession beheimatet sind und in ihr Halt und Zuversicht finden, werden sie dadurch besser befähigt werden, den Menschen, die anderen Kulturen angehören und andere Religionen und Weltanschauungen bekennen, angstfrei und in Toleranz zu begegnen. Sie werden so zu einem Zusammenleben in der Gesellschaft in Gerechtigkeit und Frieden und zur Lösung der Probleme des Lebens vorbereitet.“ Im Lehrplan für den orthodoxen Religionsunterricht an allgemeinbildenden höheren Schulen (Oberstufe) und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen 2011 wird noch hinzugefügt: „Damit bietet der orthodoxe Religionsunterricht eine wertvolle Hilfe für die soziale Integration in Österreich und das friedliche Zusammenleben der Völker und Menschen in Europa.“ Im Gegensatz dazu ist religiöses Unwissen und religiöse Gleichgültigkeit der Nährboden für Unverständnis, Angst, Intoleranz und Gewalt.

Damit erlangt der Religionsunterricht eine enorme Bedeutung auch für den Staat, zu dessen Aufgaben es ja gehört, bestmögliche Bedingungen für die Integration und ein gedeihliches Zusammenleben aller BürgerInnen zu schaffen. Wie im oben angeführten Lehrplan bereits angedeutet, erhält der Religionsunterricht damit eine gesamteuropäische Bedeutung. Der orthodoxe Religionsunterricht im Besonderen trägt zu einem besseren Verständnis der christlichen Kultur Europas bei, zu der neben der abendländischen christlichen Kultur ja wesentlich auch das ostkirchliche Erbe gehört.

 

 

Diakon DDr. Johann Krammer
Professor an der KPH Wien-Krems